Wenn wir uns an unsere Kinder- und Jugendzeit erinnern, sehen wir uns über unsere Schreibblätter gebeugt, unsere Handschrift zu einem akzeptablen Bild zu formen. Wir probierten verschiedene Schreibrichtungen aus, gestalteten Bögen und Spitzen einzelner Buchstaben und entschieden schließlich die zu uns passende Schriftgröße.

Irgendwann schrieben wir uns für einen Schreibmaschinenkurs oder Tipp Kurs ein und machten beim Wettbewerb des Geschwindigkeitsschreiben mit. Damit war es geschehen.

Wenn überhaupt, verschicken wir heute App-gestützte Postkarten, die aussehen, als wären sie ein Werbemittel ohne handschriftliche Unterschrift. Als ich vor einigen Monaten einem Kunden einen kleinen Notizblock mit meinem Logo schenkte, erwiderte dieser, dass man solches heute ja nicht mehr brauche, es ginge ja alles digital. Selbstverständlich unterschreiben wir heute auch Dokumente digital, speichern sie platzsparend im Computer statt in Ordnern im Regal.

Nun, da uns KI sogar das eigenständige Denken abzunehmen scheint, brauchen wir keinen Bleistift, Kugelschreiber oder Füllfederhalter mehr? 70% meiner Master-Studierenden bringen zu Hochschulveranstaltungen nur ihr Laptop mit, aber keinen Stift, geschweige denn ein Blatt Papier. Wenn ich möchte, dass sie nicht computergestützt arbeiten, muss ich ankündigen, dass sie zum nächsten Termin Stifte mitbringen. Papier liegt meist schon im Vorlesungsraum bereit.

Durch Studierende verfasste Reflexionspapers, die KI-gestützte sprachliche Verbesserungen oder gar Übersetzungen in der Ehrenwörtlichen Erklärung belegen, erscheinen zuweilen weit entfernt von den mündlichen Ausdrucksweisen oder Beiträgen der Betreffenden. In bewerteten Reflexionspapers werden herausragende Inhalte zu einem Kurs sowie persönliche Learnings zusammengefasst. Die Diskrepanz zwischen KI-verbesserten Seminararbeiten und gedanklicher Eigenleistung ist in Hochgeschwindigkeit derart gestiegen, dass es eine logische Konsequenz geben muss.

Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir zurückkehren zu den alten Aufsatz-Bericht-Analyse-lastigen Klassenarbeiten während der Schulzeit. Reflexionspapers und sonstige kurze schriftliche Ausarbeitungen im Studium müssen nun innerhalb der Veranstaltungen handschriftlich und gut vorbereitet und ohne Handynutzung abgeliefert werden. Somit kann Authentizität und faire Bewertung eher garantiert werden.